375 Jahre Franz Daniel Pastorius

Wenn wir heute im Pastoriushaus eine Flasche öffnen, dann begegnen sich für einen Moment zwei Geschichten: die eines Mannes, den es vor vielen hundert Jahren von hier aus bis nach Amerika zog – und die eines fränkischen Ortes, der tief in seinen Wurzeln steckt.

Denn vor 375 Jahren, am 26. September 1651, wurde hier in Sommerhausen, in dem Haus, das heute das Herzstück unseres Weinguts bildet, Franz Daniel Pastorius geboren. Dieses Jubiliäum wollen wir zum Anlass nehmen, seine Geschichte zu erzählen: Von seinem Aufbruch, seinem Wissensdurst und den Ideen, für die er einstand. Von seiner Verbindung zu Sommerhausen, das er zwar verließ doch nie vergaß. Und von unserer Verbindung zu ihm.

Von Sommerhausen in die Welt

Diese Geschichte beginnt dort, wo wir heute noch stehen: in Sommerhausen am Main. Zwischen Weinbergen, engen Gassen, alten Mauern und Höfen, in denen schon seit Jahrhunderten Trauben gelesen, Fässer bewegt und Geschichten weitererzählt werden. Wir schreiben das Jahr 1650. Die Reben an den Hängen gehören schon längst zum Ort und bestimmen den Rhythmus des Jahres: Schneiden. Binden. Wachsen lassen. Hoffen. Lesen.

Vor den Mauern, die noch vom Dreißigjährigen Krieg gezeichnet sind, liegen wieder Felder und Weinberge, doch der Krieg hat Spuren an Land, Menschen und Leben hinterlassen. Jeder bestellte Acker, jeder wiederhergestellte Hof und jeder neu austreibende Weinstock bedeutet ein Stück Normalität. 

Mitten in dieser Zeit erhält Melchior Adam Pastorius eine Anstellung als Rechtsbeistand des Grafen Georg Friedrich, Schenk von Limpurg in Sommerhausen. Er kauft dort ein Haus, heiratet und gründet eine Familie: Am 26. September 1651 kommt sein erster Sohn zur Welt: Franz Daniel Pastorius. 

Sommerhausen 1650/51

Bevor Amerika, Germantown und die Neue Welt in Franz Daniels Leben treten sollen, sind da zuerst der Main, die Weinberge und die engen Gassen Sommerhausens. Hier beginnt sein Weg. Der kleine Weinort liegt dicht am Main, eingerahmt von Weinbergen und Stadtmauer, durchzogen von schmalen Gassen und alten Häusern. Hier lebt die Familie Pastorius. Und hier wird 1651 Franz Daniel geboren.

Sein Elternhaus ist zu diesem Zeitpunkt noch vom Dreißigjährigen Krieg gezeichnet. Das Gebäude, das sein Vater Melchior Adam Pastorius erworben hat, ist schwer beschädigt und muss wieder aufgebaut werden. So wächst Franz Daniel in einem Haus auf, das selbst gerade neu entsteht: Mauern werden ausgebessert, Räume wieder bewohnbar gemacht, aus den Spuren des Krieges wird Schritt für Schritt wieder ein Zuhause.

Steintafel von 1655 am Patoriushaus

1655 lässt sein Vater außen eine Steintafel anbringen. Sie berichtet vom Wiederaufbau des Hauses. Fast vier Jahrhunderte später ist sie noch immer dort zu sehen. Um das Familienwappen steht dort auf Latein:

MELCHIOR ADAM PASTORIUS
IM JAHRE DES HERRN 1655
ERRICHTETE DIESES HAUS
VON GRUND AUF MIT EIGENEM GELD
FÜR SICH UND DIE SEINEN.

Wir gehen täglich an einem Stück dieser Geschichte vorbei. Hier wird sie greifbar. 

Der junge Franz Daniel Pastorius ist ein Kind, das wissen will, was hinter dem nächsten Hügel liegt. Und hinter dem übernächsten. Er wächst in einer gebildeten Familie auf. Vater Melchior Adam Pastorius ist Jurist und bekleidet hochrangige Ämter. Bildung, Sprache, Recht und die Fragen des Glaubens gehören in dieser Familie zum Alltag. 

1657 stirbt Pastorius‘ Mutter Magdalene. Ein Jahr später heiratet sein Vater erneut und sie ziehen nach Windsheim. Franz Daniel Pastorius verbrachte nur seine frühe Kindheit in Sommerhausen – doch wir werden es noch sehen: Sein Geburtsort ließ ihn nie ganz los.

Der Junge lernt schnell und erhält eine umfassende Ausbildung. Er besucht Schulen, studiert später an mehreren Universitäten und widmet sich wie sein Vater den Rechtswissenschaften. Pastorius entwickelt eine ausgesprochene Leidenschaft für Sprachen, Bücher und das Sammeln von Wissen. Latein gehört für einen Gelehrten seiner Zeit ohnehin zum Handwerkszeug. Er lernt noch vier weitere Sprachen, interessiert sich für Religion, Naturkunde, Landwirtschaft und Literatur. Lesen, sammeln, schreiben beobachten – Angewohnheiten, die er sein Leben lang beibehalten wird.

Ein Fach allein scheint ihm nicht zu genügen. Und schließlich genügt ihm auch die bekannte Welt nicht mehr. Europa ist noch immer geprägt von den Folgen religiöser Konflikte. Pastorius beschäftigt sich intensiv mit Glaubensfragen und begegnet Ideen, die einen radikalen Gedanken enthalten:Vielleicht könnte man anderswo eine neue Gemeinschaft aufbauen. Eine, in der mehr religiöse Freiheit möglich ist. Dabei stößt er auf William Penn und dessen Pläne für Pennsylvania.

Neuland wagen

Penn verfolgt einen erstaunlichen Plan. In Nordamerika soll eine Kolonie entstehen, in der Menschen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen vergleichsweise frei leben können: Pennsylvania. Für Pastorius muss dieser Gedanke etwas Ungeheuerliches gehabt haben. Ein neues Land. Eine neue Gesellschaft. Die Möglichkeit, manches anders zu machen als in Europa. Und so trifft er eine Entscheidung, die sein Leben für immer verändern wird: Er unterstützt Penns Projekt und findet 13 Familien, die es wagen wollen, Europa für immer zu verlassen und in Pennsylvania eine Siedlung zu gründen.

1683 Aufbruch und Überfahrt

Am 7. Juni 1683 beginnt eine Reise, die heute kaum noch vorstellbar ist. Pastorius geht an Bord der America. Vor ihm liegt eine lange und gefährliche Segelfahrt quer über den Atlantik – in eine Welt, die er nur aus Berichten kennt. Wer Europa in Richtung Amerika verlässt, weiß nicht, ob er seine Heimat jemals wiedersehen wird. Wochen auf See liegen vor ihm. Kein schneller Weg zurück. Kein kurzer Gruß nach Hause.

Die Gründung von Germantown

Wenige Wochen vor seinem 32. Geburtstag erreicht Pastorius am 20. August 1683 erreicht Pennsylvania. Er reist allein voraus, um die Ankunft der Siedler vorzubereiten, die ihm später folgen sollen. Die 51 Hektar Land sind unberührt, wild und unerschlossen. Pastorius vermisst, teilt es in gerechte Parzellen auf und legt ein Grundbuch an. Im Oktober 1683 treffen die dreizehn Siedlerfamilien ein. So entsteht nördlich von Philadelphia eine der frühesten deutschen Siedlungen Nordamerikas: Germantown.

Ein Mann mit vielen Rollen

Pastorius ist in Germantown vieles zugleich: Jurist. Verwalter. Lehrer. Schriftsteller. Chronist. Sprachgelehrter. Er kümmert sich um Landfragen, übernimmt öffentliche Aufgaben, unterrichtet und führt umfangreiche Aufzeichnungen. Wer sich mit seinem Leben beschäftigt, stößt immer wieder auf diese erstaunliche Vielseitigkeit. Pastorius scheint kaum etwas uninteressant gefunden zu haben. Auch mit Landwirtschaft und praktischem Wissen setzt er sich auseinander. Eine neue Siedlung musste funktionieren. Menschen mussten anbauen, ernten, bauen, wirtschaften und lernen, mit einer neuen Umgebung umzugehen.

1688 - Protestschrift gegen die Sklaverei

Pastorius‘ Geschichte handelt nicht nur vom Aufbruch und Aufbau. Sie handelt auch davon, bestehende Verhältnisse infrage zu stellen. Fünf Jahre nach der Gründung Germantowns geschieht etwas, das den Namen des kleinen Ortes weit über Pennsylvania hinaus bekannt machen wird.

Franz Daniel Pastorius, Garret Hendericks, Derick op den Graeff und Abraham op den Graeff wenden sich 1688 in einem schriftlichen Protest gegen die Sklaverei. Der Gedanke dahinter ist so einfach wie weitreichend: Wie kann man Freiheit für sich selbst verlangen und sie einem anderen Menschen verweigern?

Das Dokument zählt zu den frühesten erhaltenen Protesten gegen die Sklaverei in den englischen Kolonien Nordamerikas. Es veränderte die Verhältnisse nicht – Pastorius sollte die Abschaffung der Sklaverei in Amerika nicht miterleben. Doch er setzt sich Zeit seines Lebens dafür ein, auch gegen Widerstände. 

Wurzeln, die bleiben

Man kann über den Atlantik segeln, ein neues Land besiedeln, nie zurückkehren. Doch manche Wurzeln bleiben für immer. Wurzeln, die Pastorius bis heute mit uns verbinden. Und so müssen wir an dieser Stelle unserer Geschichte über Wein sprechen – nicht, weil wir ein Weingut sind, sondern weil Franz Daniel Pastorius selbst dafür gesorgt hat. 

Schon kurz nach seiner Ankunft in Pennsylvania bittet er Freunde in Europa, ihm gute Weinreben zu schicken. Denn auch in der neuen Heimat soll Wein wachsen. Neben Weberei und Textilherstellung – Socken zählen zum wichtigsten Handelsgut der jungen Siedlung – soll auch der Weinbau zum Erfolg des Siedungsprojekts beitragen.

So kommt es, dass die Weinrebe einen besonderen Platz in der Geschichte Germantowns einnimmt: 1691 verewigt sie Pastorius im Stadtsiegel von Germantown.

Darauf setzte er drei Symbole in ein dreiblättriges Kleeblatt: eine Weinrebe, eine Flachsblüte und eine Weberspule.

Dazu die Worte: Vinum, Linum et Textrinum.

Wein, Flachs und Weberei – die drei Dinge, die der jungen Siedlung Arbeit und Wohlstand bringen sollten.

Das zweite Sommerhausen

Doch es ist nicht nur der Wein, sondern auch Sommerhausen, das Spuren bei Pastorius und in der Neuen Welt hinterlassen soll: In der neuen deutschen Siedlung entsteht ein Gebiet, das Pastorius Sommerhausen nennt – nach seinem fränkischen Heimatort. Mehr als 6.000 Kilometer vom fränkischen Sommerhausen entfernt gab es nun ein zweites. Pastorius war weggegangen. Sommerhausen nahm er trotzdem mit. Nicht nur als Erinnerung, sondern buchstäblich auf die Landkarte seiner neuen Welt. 

Inzwischen heißt der Ort im Nordwesten Philadelphias Chestnut Hill – doch Pastorius ist nicht vergessen. Die Stelle, an der sich sein Wohnhaus befand,  ist heute umgeben vom „Pastorius Park“, einer grünen Lunge inmitten der Großstadt. 

Einer, der blieb – und einer, dessen Geschichte zurückkehrte

Pastorius verbringt sein restlichen Leben in Pennsylvania. Er heiratet, gründet eine Familie, unterrichtet, schreibt und sammelt Wissen. Seine umfangreichen Aufzeichnungen beschäftigen sich mit Recht und Religion ebenso wie mit Sprache, Natur und Landwirtschaft.

Im Winter 1719/1720 endet sein Leben in Germantown. Nach Sommerhausen kehrte er nie zurück. Seine Geschichte tut es schon. Denn hier steht noch immer das Haus, in dem sie begonnen hat. Und heute trägt es seinen Namen. 

Sommerhausen, 375 Jahre später

Und nun kehren wir zurück: an den Main, zu den Gassen und Weinbergen und zu jenem Haus, in dem alles begann. 375 Jahre sind seit der Geburt Franz Daniel Pastorius’ vergangen. Draußen wachsen noch immer Reben. Im Herbst kommen noch immer Trauben aus den Sommerhäuser Weinbergen herein. Im Keller wird aus ihnen Wein. Die Steintafel, die Melchior Adam Pastorius 1655 anbringen ließ, befindet sich noch immer am Haus. Und unter diesem Namen entstehen heute unsere Weine.

Je länger wir uns über die Jahre mit Pastorius beschäftigt haben, desto mehr zeigte sich, warum seine Geschichte für uns nicht nur Vergangenheit ist. 375 Jahre nach seiner Geburt sehen wir Franz Daniel Pastorius nicht nur als historische Figur. Wir erkennen in seiner Geschichte etwas, das erstaunlich gut zu unserem eigenen Verständnis passt. Da ist diese Verbundenheit mit Sommerhausen und gleichzeitig die Neugier auf das, was außerhalb des Bekannten liegt. Das Vertrauen in die eigenen Wurzeln, ohne daraus Stillstand zu machen.

Deshalb haben wir unser Weingut nach ihm benannt. Deshalb erzählen wir seine Geschichte. Und deshalb haben wir ihm mit unserer Pastorius Selection besondere Weine gewidmet – nicht als Denkmal, sondern als lebendige Verbindung zwischen dem, was hier einmal begann, und dem, was heute daraus entsteht.

Und so sind wir am Ende unserer Geschichte wieder dort angekommen, wo wir begonnen haben: in Sommerhausen. Nur dass zwischen dem ersten und dem letzten Glas inzwischen ein Ozean, 375 Jahre und eine ziemlich bemerkenswerte Lebensgeschichte liegen.

Auf 375 Jahre Pastorius!

Am 26.9.2026 feiern wir das Jubiläum bei uns in Sommerhausen. Denn wenn eine Geschichte schon mit Weinreben über den Atlantik reist, darf sie 375 Jahre später auch mit einem Glas Wein gefeiert werden.

Wer nicht dabei sein kann, aber trotzdem aus der Ferne anstoßen möchte, dem empfehlen wir unsere Pastorius Selection, in der wir unserem Hauspatron unsere feinsten Weine und Brände widmen: Phantasievolle, mutige Tropfen mit starkem Charakter – echte Franken, genauso wie ihr Namensgeber.

Auf Franz Daniel Pastorius. Auf Sommerhausen. Und auf den Mut, neugierig zu bleiben.